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Das Herzenhören
Metadata
- Author: Sendker, Jan-Philipp
- Full Title: Das Herzenhören
- Category: #books
Highlights
- mit meinem Vater zu tun? Nichts. Überhaupt nichts.« Ich (Location 1259)
- seiner Kindheit suchte, und dass ich keinen Respekt hätte vor Menschen, die das täten. Ich wiederholte, dass ich mir nicht vorstellen könne, dass mein Vater je in seinem Leben blind gewesen sei, und je länger ich erzählte, desto weniger richteten sich meine Worte an U Ba. Ich sprach zu mir, es war der Versuch, mir einzureden, dass sich die Wahrheit auf die Grenzen meiner Vorstellungskraft beschränken musste. U Ba hörte zu und nickte, und es schien, als wisse (Location 1261)
- im Wesentlichen aber versuche er weiterzugeben, was das Leben ihn gelehrt habe: dass der Reichtum eines Menschen die Gedanken seines Herzens sind. (Location 1573)
- Das Problem sind nicht die Augen und die Ohren, Tin Win. Wut macht blind und taub. Angst macht blind und taub. Neid und Misstrauen. Die Welt schrumpft, sie gerät aus den Fugen, wenn du wütend bist oder Angst hast. Für uns genauso wie für jeden, der mit seinen Augen sieht. Er merkt es nur nicht.« (Location 1686)
- »Jeder Mensch, jede Kreatur hat Angst. Sie umgibt uns, wie die Fliegen den Misthaufen des Ochsen. Tiere schlägt sie in die Flucht, sie reißen aus und rennen oder fliegen oder schwimmen, bis sie sich in Sicherheit wähnen oder vor Erschöpfung tot umfallen. Wir Menschen sind nicht wirklich klüger. Wir ahnen, dass es auf der Welt keinen Ort gibt, wo wir uns vor der Angst verstecken können, und trotzdem versuchen wir es. Wir streben nach Reichtum und Macht. Wir geben uns der Illusion hin, stärker zu sein als die Angst. Wir versuchen zu herrschen. Über unsere Kinder und unsere Frauen, über unsere Nachbarn und Freunde. Herrschsucht und Angst haben etwas gemein: Sie kennen keine Grenzen. Aber mit der Macht und dem Reichtum ist es wie mit dem Opium, das ich in meiner Jugend mehr als einmal probierte. Beide halten ihr Versprechen nicht. Das Opium brachte mir nicht das ewige Glück, es verlangte nur nach mehr. Geld und Macht besiegen die Angst nicht. Es gibt nur eine Kraft, die stärker ist als die Angst. Die Liebe.« (Location 1712)
- Wenn es doch einmal geschah, dass sie unverhofft und ohne zu warten zu Freunden auf die nächste Bergkuppe getragen wurde, dauerte es immer eine Weile, bis sie wirklich ankam. Die ersten Minuten saß sie schweigend am neuen Ort. Als würde ihre Seele langsamer durch das Tal reisen. Sie hatte das Gefühl, alles und jeder brauchte seine Zeit, so wie die Erde ihre vierundzwanzig Stunden benötigte, um sich einmal um die eigene Achse zu drehen, oder dreihundertfünfundsechzig Tage, um die Sonne zu umrunden. (Location 2218)
- »Weil wir nur sehen, was uns bekannt ist. Wir trauen dem anderen immer nur zu, wozu wir selbst in der Lage sind, im Guten wie im Bösen. Deshalb erkennen wir als Liebe vor allem, was unserem Bild von ihr entspricht. Wir wollen geliebt werden, so wie wir selbst lieben. Jede andere Art ist uns unheimlich. Wir begegnen ihr mit Zweifel und Misstrauen, wir missdeuten ihre Zeichen, wir verstehen ihre Sprache nicht. Wir klagen an. Wir behaupten, der andere liebt uns nicht. Dabei liebt er uns vielleicht nur in einer, seiner Weise, die uns nicht vertraut ist. Sie werden, so hoffe ich, verstehen, was ich meine, wenn ich meine Geschichte zu Ende erzählt habe.« (Location 3132)